Tagebuch Dolomitentour 2000

 

Im Dezember 1999 fassten wir – das sind Martin und ich, zwei Mopedfahrer in den Vierzigern – den Entschluß, unseren Sandhaufen zu verlassen und uns mit unseren Mopeds in die Alpen zu wagen. Wir leben auf der wunderschönen, aber total kurven- und berglosen Nordseeinsel Borkum. Borkum – nie gehört?  Eine Insel mit rd. 6.000 Ew. und 36 qkm an der deutsch/holländischen Küste. 53 km Seeweg von der deutschen Hafenstadt Emden (bekannt durch die VW-Fabrik und „Otto Waalkes“). Tja, von hieraus mal eben in die Alpen ist nicht. Entfernung zum Gardasee: 2 Stunden Schifffahrt und 1.300 km öde Autobahn, also entschlossen wir uns für die bequemere Anreise: per Autozug von Hamburg nach München, auf dem Rückweg München – Bremen.  Schon im Januar 2000 buchten wir den Zug und mit Ach und Krach bekamen wir noch einen Stellplatz auf dem Autozug! Eine immer beliebtere Art der Anreise bei weiten Strecken. Die Monate vergingen nur sehr sehr langsam, die Aufregung stieg umso schneller – endlich einmal mit dem Moped in die Alpen und an den Gardasee,
dem Eldorado für Biker!

Nicht das wir Anfänger in Sachen Mopedfahren wären, ich fahre bereits seit fast 20 Jahren Moped – zu meinen Maschinen gehörten Kawasaki Z 400, Yamaha XV 1000, Kawasaki Z 1000 ST, Kawasaki Gpz 1100, Suzuki GSX 750 und meine
jetzige, eine Suzuki GSX 1200 – das richtige Moped mit genügend Drehmoment für die Berge!

Der Zeitpunkt der Tour kam endlich näher und dann endlich, am 20. Mai 2000 ging es los:

 

Sa. 20. Mai 2000

09:00 Uhr

Packe meine Sachen aufs Moped.  Es ist Regen gemeldet, aber die Sonne scheint.

10:50 Uhr

Autofähre von Borkum nach Emden

13:30 Uhr

Ankunft im Emder Hafen

13:40 Uhr

Strecke: EMD – Hesel – Westerstede – Oldenburg – Weserfähre Dedesdorf – durchs „Alte Land“ nach
Hamburg- Altona.  Kurz vor Rodenkirchen (Weser) starker Regenschauer / Kampf mit meinem Regenkombi – er hätte ne Nummer größer sein müssen oder ich abnehmen. 10 Min.  später wars wieder trocken. Kurz vor Stade fängt uns meine Tante (60 J.) mit ihrer Yamaha Fazer ab und wir machen ne Kaffeepause. Während der Kaffeepause erfahre ich so nebenbei das Bayern doch noch Meister  geworden ist!! Meine Tante lotst uns nach Hamburg. Die Fahrt im Schritttempo über die Köhlbrandbrücke ist ein Erlebnis !!

18:30 Uhr

Ankunft in HH Bahnhof Altona
Im Laufe der nächsten Stunde sammeln sich dort ca. 30 Mopedfahrer zur Verladung auf den Autozug an.
Jetzt erst packt uns das richtige Reisefieber – bald geht’s endlich Richtung  Süden und hoffentlich in die Wärme.

21:30 Uhr

Die Verladung beginnt ! Aufgeregt haben wir uns schon vorher mehrmals die Wagons angesehen und wie wir wohl mit unseren Mopeds am Besten da rauf fahren werden.  
Es war alles kein Problem: Langsam fahren und vorallem Kopf runter sonst hauts Dich um.
Ruckzuck kommen 2 freundliche Bahnbedienstete die mit div. Zurrgurten die Mopeds reisefertig  machen.

22:40 Uhr

Die Abfahrt mit einer 30 minütigen Verspätung beginnt. Wir haben im Liegewagen Platz genommen. Haben Glück, denn
das Abteil haben wir für uns alleine (oder Pech, denn die erhofften weiblichen Fahrgäste bleiben aus).
Das Dosenbier kommt auf den Tisch und los geht`s !
Tages-Kilometer:   280

So. 21. Mai 2000

08:05 Uhr

Wir erreichen pünktlich München. Habe nicht gut geschlafen. Die Aufregung? Zu wenig Bier?
Verschlafen steigen wir aus dem Nachtzug – es ist verdammt frisch, aber trocken. Die Fahrzeugwagons wurden bereits abgehängt
und sind auf dem Weg zum Entladebahnsteig – ca. 500 m entfernt.
Wir sind gespannt wie unsere Mopeds die 850 km Zugfahrt überstanden haben.
Sie sind unversehrt , aber von der langen Fahrt sehr dreckig – warum putze ich eigentlich vorher?

09:00 Uhr

Die Mopeds sind wieder auf der Straße. Nach 100  m bereits das erste Hinweisschild „BAB Garmisch“.
Jetzt packt uns das Reisefieber, die Alpen sind schon fast zu riechen. Die Fahrt geht über die BAB nach Garmisch, über den
Fernpass Reutte 1.209 m hoch, Obsteig und Mieming (Drehort des „Bergdoktors“) zum 1. Ziel, dem kleinen österreichischen
 Taldorf  „Rietz“. Der schönste Augenblick des Tages ist sicherlich, als wir nach ca. 70 km von München entfernt
das erste Mal auf dem Motorrad die Alpen sehen. Herrlich! Und dann immer schnurgrade (naja eher kurvig) drauf zu!

11:45 Uhr

Wir erreichen unsere Unterkunft „Rietz“ bei Fam. Thaler. Eine Pension mit einigen DZ und 1 Fewo, in der Nähe
2 Gaststätten mit sehr guter Küche. In der Pension hat man "Familienanschluß" und fühlt sich wie zu Hause!
Alles vertraut für mich – bin zum 12. Mal hier.

12:30 Uhr

Nach kurzem Frischmachen geht’s gleich wieder los. Wir wollen/müssen unbedingt ins Hochgebirgsdorf   „Küthai“ 2.023 m hoch.  Die Sonne scheint, wir haben genug Zeit  und ich entschließe mich für den  Schleichweg dorthin. Wir fahren über den
„Haiminger Berg“, der  Weg ist zwar kürzer als durchs Ötztal  zum Küthai, aber aufgrund der Fahrbahnenge und div. Kurven
werden wir länger dorthin brauchen. Dafür werden uns auf dieser Bergstrasse keine Touristen mit ihren schleichenden Konservendosen aufhalten.

13:15 Uhr

Nach 35 km erreichen wir das Hochgebirgsdorf „Küthai“ . Um diese Jahreszeit ausgestorben, in den Wintermonaten ein Eldorado für Skifans. Heute ist hier nichts, aber auch rein garnichts los. Nichtmal die „Dortmunder Hütte“, ein Restaurant, hat geöffnet. Bis auf 2 Biker aus Deutschland treffen wir keine Menschenseele. Es ist sehr frisch, so um 5 ° C und es liegt Schnee – gut das auch hier die Sonne scheint. Die Strasse hier hoch war Eis- und Schneefrei. 
Eine Schneeballschlacht auf einer Motorradtour – wer hat das schon gemacht ??

17:00 Uhr

Wir sind wieder in Rietz gelandet. Den Rückweg machen wir durchs Ötztal, landschaftlich sehr schön, aber fahrerisch anspruchslos – nur gut ausgebaute und breite Strassen. Abends gibts beim  „Central-Cafe“ Pizza (riesengroß+lecker) und Bier.
Anni ist nett und hübsch wie immer,  das österreichische Bier schmeckt erst nach dem 6 Glas – auch wie immer.
Anschließend nen Absacker im Pub nebenan, eine Schönheit von der Elfenbeinküste bedient uns – wie hat die sich bloß ins dieses Dorf verirrt?? Sie hats uns sicherlich den Abend noch erzählt, aber erinnern können wir uns,  nach reichlich Alk,
 nicht mehr sooo genau.
Tages-Kilometer:   237

Mo. 22. Mai 2000

08:00 Uhr

Wir frühstücken, die Stärkung muss sein – es geht in die Schweiz. Samnaun ist unser heutiges Ziel. Ein schweizer Bergdorf das vorallem (oder nur ?)  als Zollfreigebiet berühmt geworden ist. Naja, mit shopping ist eh nichts angesagt, aber endlich einmal wieder billig Volltanken. Samnaun liegt nur 90 km von Rietz entfernt – 90 km die, wie sich noch herausstellen sollte, in sich haben!

09:00 Uhr

Abfahrt aus Rietz. Es ist sonnig, aber kalt. Die Berge sind wolkenverhangen, die Strassen noch feucht vom nächtlichen Regen.
 Auf Empfehlung eines österreichischen Tankwartes hin fahren wir die Strecke über Piller. Die Durchfahrt durch Piller ist gesperrt, eine Umleitung führt uns über eine abenteuerliche Strecke: sehr kurvig, enge Fahrbahn, teilweise Schotter, sehr starkes Gefälle.
Das ist mehr was für Endurofahrer!  Achja, der Tankwart war Endurofahrer – wenn ich den nochmal sehe!

11:30 Uhr

Wir haben  Samnaun erreicht! 2 ½ Std. für 90 km, wir waren auch schonmal flotter unterwegs! Samnaun liegt etwas über 2.000 m hoch, die Sonne scheint hier zwar auch, allerdings liegt die Temperatur hier oben bei nur 3 ° C. Im Laufe unseres Aufenthaltes fängt es an zu schneien. In der Stadt ist es ungewöhnlich ruhig, an den Wochenenden tummeln sich hier tausende von „Einkaufstouristen“. Wir trinken einen Kaffee und genehmigen uns eine  Suppe zum Aufwärmen, anschließend betanken wir unsere Mopeds
(Super bleifrei 1,04 DM/Ltr. !!) und es geht wieder zurück nach Rietz.
Tages-Kilometer:   244

Di. 23. Mai 2000

                 Heute geht’s weiter Richtung Süden:
                 Schenna in Südtirol ist unser Ziel und unsere Unterkunft für die nächsten 4 Tage. 
                 Wir wollen die Autobahn meiden und entschließen uns für den Weg über den Reschenpaß ( 1.504 m hoch).

08:30 Uhr

Abfahrt von Rietz und über Imst, den Reschenpaß ( 1.504 m hoch) nach Schenna (Italien).
Eine landschaftlich schöne Strecke. Die Strassen auf der österreichischen Seite sind gut ausgebaut – auf italienischer Seite durchfahren wir mehrere, z.T. unbeleuchtete Tunnels, die Strassen sind schmaler und haben teilweise einen schlechten Fahrbahnbelag und sind zudem oft mit Rollsplitt verdreckt.
Unterwegs sehen wir auffallend viele Biker-Hotels. Die Fahrt durch die vielen kleinen Orte ist nervig: viel Autoverkehr, die Sonne brennt uns mit 25 ° C auf unsere Kombis und immerwieder kleine Baustellen mit Ampelregelung. Die Fahrt entlang der Apfelplantagen entschädigt uns etwas für diese Strapazen.
Am Fahrstil der Autofahrer (dichtes Auffahren, enge Überholmanöver) merken wir:  wir sind in Italien!

12:00 Uhr

Wir erreichen unser Ziel: Hotel „Fink“ in Schenna /Südtirol/Italien
Ein schönes Hotel, oberhalb von Meran gelegen, mit herrlichem Ausblick aufs Tal. Netter Service und Bikerfreundlich.
Wir sind allerdings die einzigen Biker unter den Gästen – das Durchschnittsalter der Hotelgäste schätze ich mal auf 65 – 70 Jahre. Egal, die Zimmer sind sehr gut, der Service super, Unterstellmöglichkeit für die Mopeds,  Pool,  Schwimmbad
und das Bier (Köpi vom Fass!)  schmeckt!
Tages-Kilometer:   203

Mi. 24. Mai 2000

Zum 1. Mal spüren wir die „Bergfahrerei“ – haben einen fürchterlichen Muskelkater in den Oberarmen und Oberschenkeln.
Der gestrige Tag (die Kurverei über Piller nach Samnaun) sitzt uns in den Knochen, dazu macht mir mein Sonnenbrand, den
 ich mir nachmittags am Pool holte zu schaffen. Martin geht’s genauso – ein kleiner Trost, dachte schon ich hätte als einziger
einen untrainierten Körper. Na, fürs nächste Jahr wird aber vorher Krafttraining gemacht, das schwören wir uns schon jetzt.
Heute solls zum Gardasee gehen. Wir nehmen die Autostrada, wir wählen die schnelle Anreise, denn wir wollen dort
 den Tag geniessen.
Kosten Maut: 8.500 Lit = 8,50 DM für die einfache Strecke.
Wetter: Trocken, sonnig – es sind 28 ° C gemeldet.

08:30 Uhr

Abfahrt von Schenna/Südtirol

10:30 Uhr

Der 1. Blick auf den Gardasee. Bloß schnell Jacken und Pullover aus, es ist heiß hier. Die Fahrt durch Riva wird, bei
dieser Hitze und starkem Autoverkehr (die Abgase nerven), zur Tortour. Danach bis Limone, div., zum Teil schlecht
beleuchtete Tunnel mit nasser Fahrbahn. Zwischendurch geht immer wieder der Blick nach links rüber auf den See.
Ein herrlicher Anblick! In Limnone machen wir eine ausgiebige Rast. Puh die Hitze, wir könnten so, in den See springen.
Die Rückfahrt führt durchs Gebirge: Riva – Madonna di Campilio – Campo Carlo 1.682 m hochGampenjoch 1.518 m
hoch
– Meran – Schenna. Wir lassen einige, fast unbewohnte Bergdörfer hinter uns, sehen eine sehr interessante Landschaft,
durchfahren viele seichte Kurven und durchqueren div. unbeleuchtete (!) Tunnel.
Der Tag hat uns geschafft, die große Hitze, die Kurverei durchs Gebirge – aber dieser Tag hinterlässt sicher einen bleibenden
Eindruck einer eindrucksvollen Motorradstrecke.

17:30 Uhr

Ankunft in Schenna
Tages-Kilometer:   345

Do. 25. Mai 2000

09:30 Uhr bis 17:00 Uhr

Heute geht’s ins „Eingemachte“. Die Tage für uns Flachlandtiroler zum Üben sind vorbei, wir fahren Heute in die Dolomiten.
Das Weter ist wieder herrlich, wir haben 26 ° C und – das ist Heute das Wichtigste – eine trockene Fahrbahn.
Strecke: Schenna – Bozen – Autostrada (Maut: 3.500 Lit/einfache Strecke) – Abfahrt Val Gardena – St. Ulrich – Wolkenstein
 – Sellajoch mit 2.214 m Höhe–  Pordoijoch mit  2.239 m Höhe der höchste Punkt unserer Motorradtour  und
Grödnerjoch 2.221 m hoch. Der Eindruck des riesigen Bergmassivs der Dolomiten ist gewaltig.
Ich bin schon oft mit dem Pkw durch diese Bergkette gefahren, aber auf dem Motorrad hat man das Gefühl das Dich diese
Steinriesen erschlagen.
Unterwegs treffen wir jede Menge Biker aus Deutschland, meist in kleinen Gruppen und erstaunlich viele auf „Gummikühen“.
In luftiger Höhe ists sehr sehr frisch, unten im Tal kommt man aber bei mittlerweile 28 ° C  wieder sofort ins Schwitzen.
Nach ca. 75 Kehren und div. "Gipfelbesteigungen" landen wir abgekämpft und durstig (wie immer) in Schenna
Tages-Kilometer:   247

Fr. 26. Mai 2000

Heute geht’s wieder Richtung Norden, Richtung Heimat zurück. Wir müssen uns von der beeindruckenden Bergwelt mit den
herrlich vielen Kehren und Kurven, dem angenehmen Klima, kurz dem Paradies für jeden Biker,  verabschieden.

09:30 Uhr

Abfahrt von Schenna
Strecke: St. Leonhard – durch das wunderschöne Passeiertal – Jaufenpaß 2.094 m Höhe 
Brennerpaß 1.602 m Höhe – Innsbruck – Zirl – Mittenwald – Kesselberg – München
Auf dem Jaufenpaß ist es sehr nebelig und lausig kalt – nur schnell wieder ins Tal und somit in die Wärme. Für die Strecke
 Schenna bis zum Jaufenpaß brauchen wir sage und schreibe 1 Stunde – und das für nur 45 km! Grund: Viele viele
Kurven und eine extrem schlechte Sicht zwingen uns zur „Schleichfahrt“.
Die Fahrt von Österreich nach München führt uns über den Kesselberg und an Kochel am See entlang, eine für Biker sehr
empfehlenswerte Strecke, die gespickt mit Kurven ist !!

16:00 Uhr

Ankunft in München und Besuch eines Freundes im Münchner Nobelviertel "Grünwald"

22:38 Uhr

Abfahrt des Autozuges München-Ost nach Bremen
Tages-Kilometer:   293

Sa. 27. Mai 2000

06:41 Uhr

Ankunft Bremen-Hauptbahnhof

07:30 Uhr

Abfahrt ab Bremen
Strecke: Bremen - Delmenhorst - Oldenburg - Leer/Ostfriesland - Eemshaven/Holland

09:00 Uhr

Ankunft am Fährhafen im niederländischen Eemshaven

10:00 Uhr

Abfahrt der Autofähre nach Borkum  - unserer schönen, aber kurvenlosen Heimat
Tages-Kilometer:   200

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